„Es ist der Patient, der die Medizin definiert.“

„Es ist der Patient, der die Medizin definiert.“

Mit diesem gemeinsamen Bewusstsein begegneten sich am 5. März der Medizinethiker Prof. Dr. Giovanni Maio von der Universität Freiburg, Detlef Schliffke, Patientenfürsprecher und 1. Vorsitzender des Bundesverbands Patientenfürsprecher in Krankenhäusern e.V. (BPiK), Ingrid Fuchs, Patientenfürsprecherin am Ortenau Klinikum, und Markus Bossong, Pflegedirektor des Ortenau Klinikum, zu einem philosophischen Teegespräch. Es galt, über die Wichtigkeit von Patientenfürsprache und die Rolle der Pflege in einer Zeit der zunehmenden Ökonomisierung der Heilberufe zu sprechen. Anlass war die Vorbereitung des Symposiums „Patientendialog“, das am 18./19. Oktober am Ortenau Klinikum stattfindet, und auf dem Prof. Maio die Rolle des Keynote-Speakers übernehmen wird.

 

In einem Punkt stimmten alle Beteiligten in besonderer Deutlichkeit mit Prof. Maio überein: „Es ist der Patient, der die Medizin definiert.“ Da die Medizin ihre Existenzberechtigung erst aus der Not des Patienten ziehe, müsse dieser im Mittelpunkt stehen. Auch der Leitgedanke des BPiK lautet: „Der Patient steht im Mittelpunkt“. Eine Aussage, die selbstverständlich erscheint. Doch im durchstrukturierten Krankenhausalltag kann diesem Leitsatz nicht immer Folge geleistet werden. Die Orientierung an Fallpauschalen führe zu einer Ökonomisierung der Medizin, so Prof. Maio, und damit einer Medizin, die nicht selten allein darauf abziele, den Umsatz zu steigern. „Die Ökonomisierung der Medizin ist letztendlich patientenfeindlich“, pflichtete auch Schliffke bei. Der Patient selbst würde zum Objekt degradiert. Ärzten und Pflegern fehle die Zeit, sich ausführlich um jeden einzelnen Patienten und dessen Belange zu kümmern.

 

Rolle der Pflege

Nicht nur der Patient leidet darunter. „Die Pflege war früher der Anwalt der Patienten. Sie hatte Zeit, sie konnte zuhören, sie war empathisch“, sagte Bossong. Auch die Pflege wird inzwischen oft nur noch auf die bloße medizinische Versorgung und Verrichtung reduziert. Für die Hauptfunktion der Pflege, den Beziehungsaufbau zum Patienten, fehlten notwendige Kapazitäten. Dabei sei eben diese vertrauensvolle Beziehung ausschlaggebend für eine umfassende Heilung, betonte Bossong. Angesprochen auf Lösungsansätze, sagte Prof. Maio: „Das Grundproblem ist eine Frage der Haltung, nicht die Frage der Handlung.“

 

Vertrauensvolle Beziehung zwischen Ärzten, Pflegern und Patienten

Prof. Maio sprach sich für eine „Unformalisierung“ von Kliniken und Krankenhäusern aus. So solle eine Atmosphäre geschaffen werden, in der eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Ärzten, Pflegern und Patienten aufgebaut werden könne, die von Verständnis für die Perspektive des kranken Menschen geprägt sein müsse. Prof. Maio bedauerte, dass diese Perspektive vielfach verloren ginge: „Wenn ein Patient in die Klinik kommt, fühlt er sich fremd und ist verunsichert. Er braucht einen Ansprechpartner, eine Person, zu der er eine Vertrauensbeziehung aufbauen kann. Nur so kann der Patient Vertrauen in das System fassen. Eine gut funktionierende Pflege, unterstützt durch Patientenfürsprecher, stellt eine optimale Lösung dar“, so Maio. Auch Ingrid Fuchs befürwortete eine engere Zusammenarbeit zwischen Patientenfürsprechern, Pflegern und Ärzten: „Patientenfürsprecher sollten in der Führungsebene bei Pflegegesprächen anwesend sein“, so Fuchs.

 

Rolle der Patientenfürsprache

Da, wo Reibungspunkte zwischen den Instanzen entstehen, sind die Patientenfürsprecher gefragt; hierin waren sich alle Beteiligten einig. „Patientenfürsprecher verstehen sich nicht als Kämpfer, die um jeden Preis die Belange des Patienten durchsetzen wollen. Vielmehr sind sie Moderatoren, besser noch: Scharniere zwischen Patienten sowie Ärzten und Pflegenden“, stellte Maio fest. So könne Patientenfürsprache helfen, größere Konflikte zu vermeiden. „Wir sind die Stimme der Patienten, und die Patienten spüren und honorieren es, wenn ein geschulter und empathischer Patientenfürsprecher sich ihrer Sorgen annimmt“, so Schliffke. „Nicht zuletzt leisten wir einen erheblichen Beitrag zu Kosteneinsparungen.“ Durch Patientenfürsprache gelöste Konflikte entlasten Kliniken deutlich im Vergleich zu anwaltlichen Verfahren oder oftmals erfolgenden rufschädigenden Äußerungen im Konfliktfall. Nicht zuletzt belegen Umfragen: Nicht nur zufriedene, sondern auch unzufriedener Patienten, denen geholfen wurde, empfehlen Kliniken und ärztliche Leistung gerne weiter.

 

Schliffke forderte erneut eine bundesweite und einheitliche Regelung zum Einsatz des Patientenfürsprechers in Kliniken und Krankenhäusern; noch ist dieses Modell nicht in allen Bundesländern Pflicht. Ein politisches Signal in diese Richtung soll auch das bundesweit vom Ortenau Klinikum veranstaltete Symposium „Patientendialog“ am 18./19. Oktober 2018 senden. Gedacht als überregionales Forum sowie Fortbildungsveranstaltung, werden im Herbst 2018 Patientenfürsprecher, Beschwerdemanager sowie Klinikärzte und Pflegekräfte mit Leitungsaufgaben ihre gemeinsamen Herausforderungen in der Patientenkommunikation diskutieren. Keynote-Speaker ist Prof. Maio.