Vortrag Hans-Jürgen Mahnkopf Deutscher Krankenhaustag 2017

Hans-Jürgen-Mahnkopf

Hans-Jürgen Mahnkopf

Patientenfürsprecher des

DRK-Krankenhauses Clementinenhaus

in Hannover

14.11.2017

Der/die Patientenfürsprecher/in.

Die Entwicklung in Niedersachsen

 

Generelles

Auch auf Grund der bekannten Vorfälle in Oldenburg und Delmenhorst (ein Pfleger hatte während seines Dienstes zahlreiche Patienten/innen durch Verabreichung entsprechender Mittel getötet und ist inzwischen wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden) ist durch Novellierung des Niedersächsischen Krankenhausgesetzes
die Institution des ehrenamtlichen und unabhängigen Patientenfürsprechers (im Folgenden wird aus Vereinfachungsgründen lediglich die männliche Form gebraucht) – beginnend mit dem 1.1.2016 – eingeführt worden. Danach muss jede Klinik einen Patientenfürsprecher und einen Vertreter bestimmen. Die Auswahlkriterien sind in den gesetzlichen Bestimmungen sehr allgemein gehalten (im Sinne einer fachlichen Eignung); das Krankenhaus selbst bestimmt, wen es beauftragen will.

Da die Gesetzesnovelle aus o.g. Gründen eher „mit heißer Nadel gestrickt“ war, sollte es in der letzten Legislaturperiode des Niedersächsischen Landtags neu gefasst und klarer geregelt werden. So sollte z.B. (entgegen dem bisherigen Wortlaut des Gesetzes) klargestellt werden, dass der Patientenfürsprecher nicht Teil des Beschwerdemanagements sei und dass jedes Krankenhaus (und nicht etwa nur ein Klinikverbund) einen Patientenfürsprecher bestimmen müsse. Dieses Vorhaben ist jedoch an der vorzeitigen Auflösung des Niedersächsischen Landtags gescheitert.
Nach der Bildung einer neuen Landesregierung wird dieses Gesetzesprojekt erneut in Angriff zu nehmen sein.

Seit Mitte 2016 ist darüber hinaus das Amt des Niedersächsischen Landespatientenschutzbeauftragten geschaffen worden, der im Landessozialministerium insbesondere folgende Aufgaben wahrnimmt:

Ansprechpartner für Beschwerden von Patienten und Angehörigen
Ansprechpartner und Koordinator für die Patientenfürsprecher (z.B. in beratender und unterstützender Funktion/ Entwurf von Handlungsempfehlungen/ Aufbau von „Netzwerken“/ Veranstaltung von Regionalkonferenzen für Patientenfürsprecher/ Schaffung von Fortbildungsmöglichkeiten usf.).

Konkrete Handlungsempfehlungen liegen bislang noch nicht vor.

Der Bundesverband der Patientenfürsprecher in Krankenhäusern (BPiK) hat zwischenzeitlich eine „Leitlinie zur Umsetzung der Patientenfürsprache in Kliniken und Krankenhäusern“ vorgelegt, die auf der Homepage des Verbandes nachzulesen ist.
Dabei geht es insbesondere darum, bundeseinheitliche Regelungen zu schaffen (bis hin zu einer einheitlichen Aufwandsentschädigung, die ggf. nicht von den Krankenhäusern, sondern vom Landeshaushalt gezahlt werden sollte).
Darüber hinaus haben der BPiK und der BBfG (Bundesverband Beschwerdemanagement für Gesundheitseinrichtungen) ein gemeinsames Papier für die Zusammenarbeit von Patientenfürsprechern und Beschwerdemanagement vorgelegt, das ebenfalls an genannter Stelle nachzulesen ist.

Die niedersächsischen Patientenfürsprecher sind nach dem Krankenhausgesetz verpflichtet, dem Landespatientenschutzbeauftragten jährlich über ihre Erfahrungen zu berichten.
Dazu ist seitens des Landespatientenschutzbeauftragten ein Formular entwickelt worden, in dem die Patientenfürsprecher anonymisiert ihre Erfahrungen darlegen können.
Die erste Befragung hat im Sommer 2017 stattgefunden. Über die (nachfolgend dargestellten) Ergebnisse soll der Landespatientenschutzbeauftragte dem Niedersächsischen Landtag berichten.

In den nachfolgenden, kürzlich auf der Regionalkonferenz der niedersächsischen Patientenfürsprechern präsentierten Schaubildern sind die nach Ansicht der Patientenfürsprecher häufigsten Beschwerden von Patienten und ihren Angehörigen zusammengefasst (Mehrfachnennungen waren möglich), darüber hinaus Statistiken über die Zusammenarbeit der Patientenfürsprecher mit dem Beschwerdemanagement und zu der Frage, wie viele Patientenfürsprecher von sich aus „auf die Station“ gehen und Klinikmitarbeiter/innen und/oder Patienten/innen befragen.

Besonders auffällig sind die Beschwerden der Patienten/innen über die Personalnot bei den Ärzten und insbesondere bei den Pflegekräften wie auch über eine unzureichende Kommunikation (Aufklärung/Entlassmanagement).

Dies wird im Nachfolgenden aufzugreifen sein.

 

Persönliche Erfahrungen (Beginn meiner Tätigkeit am 1.5.2015)

Aus eigener Erfahrung kann ich trotz aller Hinweise der Klinik feststellen, dass Patienten/innen und Angehörige die Unabhängigkeit des Patientenfürsprechers zumindest in Zweifel ziehen. Nicht nur einmal bin ich zwar von Angehörigen mit der Bitte um Unterstützung angesprochen worden, musste dann aber – insb. gegenüber dem/r Patienten/in ausführlich verdeutlichen, dass ich kein Angestellter der Klinik, sondern ehrenamtlich und unabhängig tätig bin.

Ähnlich unklar ist für Patienten/innen und Angehörige, dass ein Patientenfürsprecher nicht in medizinischen oder juristischen Fragestellungen (z.B. hinsichtlich Letzterer in Abrechnungsfragen) beraten darf. Selbstverständlich sind aber Hinweise auf Hilfestellungen außerhalb der Klinik möglich (Beratung und Hilfestellung durch den Patientenschutzbeauftragten des Landes, durch eine/n Rechtsanwalt/Rechtsanwältin, durch Anrufung der ärztlichen Schlichtungsstelle pp.).

Auf der genannten Regionalkonferenz der niedersächsischen Patientenfürsprecher wurde übereinstimmend berichtet, dass ihre Ausstattung durch die Kliniken im Wesentlichen nicht zu beanstanden ist.

Ich persönlich verfüge über ein gut erreichbares Dienstzimmer, PC mit Internetanschluss, Telefon und Fach im Eingangsbereich der Klinik. Ich bin per Mail jederzeit erreichbar (auch über Rufumleitung zu meinem privaten Mailserver).
Über meine Tätigkeit wird (mit Foto) an den verschiedensten Stellen des Krankenhauses durch Plakate aufmerksam gemacht. Den Patienten wird in der überreichten Patientenmappe durch einen ganz vorn liegenden Flyer der Patientenfürsprecher und seine Erreichbarkeiten (zweistündige Sprechzeiten zweimal in der Woche, jederzeitige telefonische Erreichbarkeit oder Erreichbarkeit per Mail) vorgestellt. Auch im Internetauftritt der Klinik werde ich an herausragender Stelle vorgestellt.

 

Zur Dokumentation meiner Tätigkeit

Die von den Patienten (oder Angehörigen) – anonym oder mit vollem Namen – ausgefüllten Fragebögen erhalte ich zeitnah zur Kenntnis und werte die Beschwerden oder Anregungen aus und leite ggf. Kopien dieser Fragebögen an die betroffenen Stellen in der Klinik weiter. Beschwerdevorgänge von relevanter Bedeutung lege ich in Ordnern mit entsprechenden laufenden Nummern an. Wichtige Gespräche werden dort dokumentiert, Korrespondenz abgeheftet.

Querulatorische Beschwerden sind ausgesprochen selten (allenfalls in 1% der Fälle)
und können zumeist in einem allgemein gehaltenen Antwortschreiben erledigt werden.

In bedeutenden Beschwerdefällen finden häufig Rücksprachen mit Mitarbeitern/innen der Klinik, in geeigneten Fällen Fallkonferenzen (ggf. mit Patienten/innen und Angehörigen) statt.
Seitens der Klink nehmen (neben unmittelbar Beteiligten) die Pflegeabteilungsleiter/innen, bei ärztlichen Problemen die Beteiligten und vor allem der Ärztliche Leiter teil. Nahezu alle Problemfälle konnten zu einer guten Lösung gebracht werden, weil es Patienten/innen und Angehörigen in aller Regel nur darauf ankommt, „ernst genommen“ zu werden und in einem ausführlichen Gespräch (Stichwort: „Kommunikation“!) die Dinge aus Sicht der Klinik und ihrer Angestellten zu erfahren.

 

Am häufigsten auftauchende Probleme

Die eigenen Erfahrungen decken sich in allen wichtigen Punkten mit den von den niedersächsischen Patientenfürsprechern gemeldeten häufigsten Patientenbeschwerden.

Hinsichtlich der Personalknappheit mag noch angemerkt werden, dass aus meiner Sicht das Pflegepersonal am Rande des noch Möglichen arbeitet und dennoch in den Patientenbefragungen überwiegend ein ausdrückliches Lob erhält („sind völlig überbelastet, aber dennoch freundlich und hilfsbereit…“). In meiner Klinik (die im Übrigen im Ranking der Patientenbefragungen im Raum Hannover den ersten Platz belegt) bemüht man sich, mehr Pflegekräfte einzustellen, die aber bedauerlicherweise kaum „auf dem Markt“ sind.

Auffällig erscheint mir auch das Auseinanderklaffen der Personalschere zwischen Ärzten und Pflegekräften (so mussten z.B. auf Grund der teilweisen Abschaffung langer Dienstzeiten mehr Ärzte/innen eingestellt werden).

Aus den Gesprächen mit Patienten/innen und Angehörigen sowie der Auswertung der Patientenfragebögen ergibt sich die (von mir so zuvor nicht eingestufte) immense Bedeutung des Transportdienstes der Klinik (Verbringen der Patienten/innen zu Untersuchungen, zur OP pp.). Die ausgesprochen positiven (eher sogar schwärmenden) Bemerkungen zum Transportdienst haben mir aber gezeigt, wie wichtig dieses Teils des Krankenhauspersonal ist.

Ein besonderes und einschneidendes Problem ist (wie offenbar überall an deutschen Kliniken) die Situation bei der Notaufnahme:

Zunehmend suchen Patienten/innen statt den Haus- oder Facharzt die Notaufnahme auf, weil

  • sie gar keinen Hausarzt mehr haben,
  • sie die langen Wartezeiten beim Haus- und Facharzt scheuen,
  • sie sich die langen Wartezeiten gegenüber dem Arbeitgeber nicht leisten können,
  • sie mehr Vertrauen in die Krankenhausärzte haben,
    (teilweise) der Hausarzt die Patienten auffordert, gleich in die Notaufnahme zu gehen (z.B. zu einem Katheterwechsel),
  • die Patienten/innen die Tel.Nr. des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes (116117) gar nicht kennen (oder – gelegentlich – von diesem Bereitschaftsdienst auch noch aufgefordert werden, direkt zur Klinik zu gehen).

 

Dass auf Grund dieser Situation die bemängelten (teilweise überaus) langen Wartezeiten in der Notaufnahme entstehen, versteht sich von selbst.

Da nun einmal der Patientenwille auch in Zukunft im Vordergrund stehen muss und sich das geschilderte Patientenverhalten kaum ändern wird, wird man sich darauf einstellen müssen.

Es wäre meinerseits vermessen, eigene Lösungen anzubieten. Das Problem muss aber unbedingt und schnellstmöglich bundesweit angegangen werden, insb. auch deshalb, weil die eigentlichen Notfälle teilweise nicht rechtzeitig behandelt werden können. Lösungsansätze wie Portalpraxen (wie in Hannover zwischen Kassenärztlicher Vereinigung und Medizinischer Hochschule vereinbart) sind sehr zu begrüßen, aber nicht für jede Klinik darstellbar.

Ein anderer Ansatz wäre die bessere Bezahlung der Krankenhäuser:
Solange diese für die Dokumentation der Notaufnahme einen Betrag unter 5,- und für die erste Notfallbehandlung häufig nur einen Betrag von unter 20,- erhalten (und auch noch belegen müssen, warum dieser Fall ein Notfall war), wird sich kaum etwas ändern.
Wenn die Kliniken von den Kassenärztlichen Vereinigungen eine bessere Vergütung erhielten, könnten sie z.B. zusätzliches Arztpersonal einstellen, das allein für den
Erstkontakt zuständig wäre (die Wartezeiten entstehen ja häufig dadurch, dass die diensthabenden Ärzte/innen mit eiligen Untersuchungen und Behandlungen beschäftigt sind).

Ich hoffe, dass diese (bundesweite) Problematik schnellstmöglich in Angriff genommen wird.

Häufig werden auch lange Wartezeiten von „bestellten“ Patienten/innen bemängelt.
Dies liegt zum einen am Ablauf an sich (es sind z.B. noch Voruntersuchungen erforderlich), zum anderen aber auch an einer noch nicht vollständig geglückten Organisation innerhalb der Klinik. Der Ärger der Patienten/innen lässt sich aber sicherlich (wie auch in der Klinik, in der ich tätig bin) durch vorherige Informationen und Kommunikation während der Wartezeiten zumindest mildern.

Nicht selten werden von Patienten/innen Hygienemängel mitgeteilt.
Dies betrifft insbesondere den Einsatz von Fremdfirmen, die wegen der finanziellen Ausstattung (wie in fast allen Krankenhäusern) – teilweise wenig deutsch sprechende –Putzkräfte einsetzen.
Es wird deshalb (wie auch in „meinem“ Krankenhaus) für eine zuverlässige und klare Anweisungen gebende Aufsicht zu sorgen sein.

Die Zusammenarbeit von Beschwerde- und Qualitätsmanagement und Patientenfürsprecher läuft in meinem konkreten Fall reibungslos:
Eine enge Zusammenarbeit (abgesehen von Fällen, in denen z.B. Patienten/innen um Vertraulichkeit bitten) ist gewährleistet. Die (umstrittene und von der o.g. Leitlinie der BPiK und des BBfG offen gelassene) Frage des Datenschutzes und der gegenseitigen Schweigepflicht ist zugunsten einer offenen Information gelöst, weil alle Seiten der Schweigepflicht unterliegen und keine „neuen Mauern“ innerhalb des Krankenhauses aufgebaut werden sollen.

Auch gibt es eine enge Zusammenarbeit zwischen Seelsorge (soweit möglich) und Sozialdienst mit dem Patientenfürsprecher. Hinweise werden beiderseits aufgenommen und in eigener Zuständigkeit weiter bearbeitet. Auch sachdienliche Hinweise des Klinikpersonals auf Probleme und Sorgen von Patienten erreichen mich gelegentlich.

In einigen Fällen konnte ich Patienten/innen und/oder ihre Angehörigen an die Ärztliche Schlichtungsstelle verweisen, die bei medizinischen Fach- und Schadensfragen die so wichtige, relativ schnelle und vor allem kostenlose Anlaufstelle ist. Wenn im Übrigen bei der Schlichtungsstelle in letzter Zeit die Eingangszahlen etwas zurückgehen, mag dies u.a. auch daran liegen, dass Patientenfürsprecher bereits im Vorfeld einige Probleme und Missverständnisse aufzuklären und zu lösen helfen (dazu weiter unten).

Der Bitte von Patienten/innen und/oder Angehörigen um Vertraulichkeit komme ich in jedem Fall nach und versuche, auf bestimmte Fragestellungen in anonymisierter Form Antworten zu erhalten. Die entsprechenden schriftlichen Unterlagen werden gesondert und in verschlossenen Umschlägen aufbewahrt.

Bereits jetzt sind zwei weitere Problemfelder nicht zu übersehen, die in absehbarer Zukunft vermehrt auf Krankenhäuser und die Patientenfürsprecher zukommen werden (hier nur stichwortartig skizziert):

Die immer älter werdenden Patienten/innen und damit das Anwachsen der Geriatrie-Patienten (zur Delir-Problematik insbesondere bei älteren Menschen vgl. im Übrigen einen sehr aufschlussreichen Artikel im SPIEGEL vom 11.11.2017)und die Anforderungen an die sog. „kultursensible Medizin“, d.h. das Sich-Einstellen auf Patienten/innen aus anderen Kulturkreisen und mit anderen religiösen Einstellungen (Sprachprobleme / Personen mit Migrationshintergrundhaben erfahrungsgemäß –auch traumatisch bedingt – mehr psychische Probleme/ andere Art des Trauerns in der Klinik mit der Großfamilie pp.).

Beispiel: (aus eigener Erfahrung – auch als Mitglied des Ethik-Komitees erlebt – ): Die aus dem islamischen Glauben heraus vorgetragene Forderung von Angehörigen an die Klinik, die therapeutischen Maßnahmen fortzusetzen, obwohl die Ärzte/innen auf die Aussichtslosigkeit dieser Maßnahmen hinweisen.

Ein wichtiger Aspekt in meiner Tätigkeit ist auch die Frage der Dokumentation:

Die Pflicht zur Dokumentation beinhaltet einen nicht unerheblichen Teil der Tätigkeit des Arzt- und Pflegepersonals, ist aber für die Klinik in Zweifelsfällen von erheblicher Bedeutung.
Sicherlich könnte manche Dokumentation durch verbesserte Digitalisierung und den Einsatz ehrenamtlicher Kräfte zugunsten des Klinikpersonals verlagert werden und damit zu einer Entlastung führen. So könnte ich mir vorstellen, OP-Dokumentationen zumindest teilweise durch Einsatz von WebCams zu ersetzen.

Wie wichtig eine Dokumentation sein kann, zeigt ein mir bekannt gewordener Einzelfall:

Die Ehefrau eines Patienten hatte aus der häuslichen Erfahrung heraus darum gebeten, dass am Bett ihres Mannes ein Gitter (wegen der Gefahr, dass er herausstürzt) angebracht werden solle. Dies war nicht geschehen. In der darauffolgenden Nacht ist der Patient tatsächlich aus dem Bett gestürzt und hat sich nicht unerheblich verletzt. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass der Patient selbst das Anbringen eines Gitters abgelehnt hatte (der Patientenwille ist entscheidend).
Da aber weder die Bitte der Ehefrau noch die Ablehnung des Patienten dokumentiert worden war, drohte der Klinik wegen der fehlenden Dokumentation die sog. Beweislastumkehr für den Fall eines Prozesses. Zu einem Gerichtsverfahren ist es aber dank einer Besprechung mit den beteiligten Personen nicht gekommen.

Ein Schwerpunkt meiner Tätigkeit liegt (ebenso wie bei anderen Patientenfürsprechern) eindeutig im Bereich Kommunikation/Mediation.

Nicht selten beklagen Patienten/innen und Angehörige, dass sie sich nicht ernst genug genommen fühlen und die Kommunikation mit Pflegekräften und insbesondere Ärzten/innen zu knapp und nicht immer zielführend sei (Anmerkung: nach meiner Einschätzung hätte es auch große Vorteile, wenn Anästhesie-Vorgespräche nicht sehr zeitnah vor der OP, sondern am Tag zuvor oder noch früher durchgeführt würden: in der konkreten Situation kurz vor der OP sind Patient/innen mit Sicherheit nicht so aufnahmefähig, wie es wünschenswert wäre).

Ich habe in meiner nunmehr 2 ½-jährigen Tätigkeit als Patientenfürsprecher gelernt, dass das Aufnahmevermögen von Patienten/innen begrenzt ist und dass „stumme“ Patienten durchaus nicht immer zufrieden sind, sondern sich beispielsweise nur scheuen, Fragen zu stellen (sie wollen den Arzt nicht verstimmen).
Hilfreich ist es in den letztgenannten Fällen, wenn Angehörige oder Freunde/Bekannte anwesend sind, die unbelasteter und unbefangener wichtige Fragen zu stellen wagen.

In der Kommunikation zwischen Arzt und Patient kann es sehr unterschiedliche Probleme und Missverständnisse geben. Dies beginnt bei Unmutsäußerungen des Klinikpersonals („Stellen Sie sich nicht so an…“) oder gut gemeinten, aber sehr unbedachten Äußerungen wie im folgenden Beispiel: Eine 93-jährige Frau wird in der Notaufnahme behandelt; der Arzt entscheidet, dass sie aufgenommen werden muss. Die Frau erklärt weinend, sie wolle aber lieber wieder nach Hause. Der Arzt entgegnet: „Ich möchte jetzt auch lieber nach Hause.“

In meinen Fallbesprechungen stellt sich immer wieder heraus, wie wichtig eine verständliche Sprache und ein beiderseitiges Zuhören ist. Der Arzt fragt häufig nicht genügend nach, ob der Patient alles verstanden hat. In vielen Fällen würde es sich anbieten, den Patienten um Wiederholung der ärztlichen Mitteilung mit eigenen Worten zu bitten.

Zahlreiche (teilweise durchaus erschreckende) Beispiele von einer fehlerhaften Kommunikation finden sich im Übrigen in der Titelgeschichte des Zeit-Magazins „Doctor“ vom 9.11.2017.

Zur Aufnahme“kapazität“ von Patienten/innen ein Beispiel: Der Arzt erklärt dem Patienten, es bestehe der Verdacht des Bauchspeicheldrüsenkrebses, es müssten aber erst weitere radiologische Untersuchungen durchgeführt werden. Der Patient nimmt nur die unterstrichenen Worte wahr (negativer Schock). Nach der radiologischen Untersuchung teilt der Arzt mit, glücklicherweise handele es sich nur eine Ziste; es könne aber nicht ausgeschlossen werden, dass sich daraus doch ein Krebsgeschwür entwickle. Auch hier nimmt der Patient vielleicht nur das unterstrichene Wort wahr (positiver „Schock“).

Von immenser Bedeutung ist es, dass sich das Klinikpersonal genügend Zeit mit den Patienten/innen nimmt (und dies – wenn möglich – auf Augenhöhe: wenn irgend möglich, sollte sich der Arzt z.B. bei der Visite auf einen Stuhl setzen und eben auf der gleichen Augenhöhe mit dem Patienten sprechen.

Dem Arzt sollte bewusst sein, dass seine Äußerungen eine negative Wirkung haben können (sog. Nocebo-Effekt): Denn so wie Placebos bekanntermaßen eine durchaus positive Wirkung haben können, gilt dies umgekehrt, wenn z.B. der Arzt zu stark auf mögliche Nebenwirkungen eines Medikaments hinweist (nach Studien soll sich der tatsächliche Eintritt der angesprochenen Nebenwirkungen in solchen Fällen nahezu verdoppeln) oder zu negative Formulierung verwendet, beispielsweise:
„Sie werden nach der OP starke Schmerzen bekommen, für die wir aber auch starke Schmerzmittel bereit halten.“ Wenn aber etwa erklärt wird: „Falls erforderlich, können wir Ihnen ein Mittel zur Linderung des Wundheilungsvorgangs geben“, soll allein diese viel positiver gefasste Formulierung laut Studien das Verlangen der Patienten nach Schmerzmitteln drastisch (bis zur Hälfte) vermindern.

Bereits angesprochen war die Kritik mancher Patienten/innen an den sog. „Entlassgesprächen“.
Häufig wird den Patienten/innen nicht einmal klar, dass es sich um ein solches Gespräch handelt. Auch hier müsste gelegentlich verständlicher aufgeklärt und insbesondere der Entlassbrief für den Hausarzt, den der Patient mitbekommt, „übersetzt“ werden.

Zusammenfassend habe ich aus meinen gemeinsamen Gesprächen mit Ärzten/innen, Pflegepersonal und Patienten und Angehörigen mitgenommen, dass eine ausführliche Kommunikation zuvor (bei der sich der Patient ernst genommen fühlt) manche (oder sogar viele) Beschwerden überflüssig machen würde.

Ich bin dabei immer mehr in die Rolle eines Mediator hineingewachsen und kann feststellen, dass nahezu alle Beschwerdefälle (die natürlich auch in einer guten Klinik vorkommen) durch Kommunikation gelöst werden können.

Umso wichtiger erscheint es mir, dass nicht nur Ärzte/Ärztinnen und das Pflegepersonal, sondern auch Patientenfürsprecher im Bereich Kommunikation besser aus- und weitergebildet werden.

Kommunikation ist aus meiner Sicht das Schlüsselwort für eine noch bessere Gestaltung des Kliniklebens.

 

Ausblick

So geschulte und engagierte ehrenamtliche (!) Patientenfürsprecher sind ganz sicher eine große Bereicherung für den Klinikalltag – gerade auch in der Zusammenarbeit mit dem Beschwerde- und Qualitätsmanagement.

Ob Fälle wie die in Oldenburg und Delmenhorst durch Patientenfürsprecher verhindert werden könnten, erscheint jedoch fraglich (allenfalls dann, wenn sich Klinikangehörige direkt an den Patientenfürsprecher wenden würden).

 

Auswertung Jahresberichte 2017